Ähnlich wie die Genossenschaftssiedlung Birkenstein oder die Siedlungserweiterung Hönow ist auch die Waldsiedlung Waldesruh nicht im Verlauf von Jahrzehnten oder Jahrhunderten Stück für Stück "organisch" gewachsen, sondern zunächst als eine Art "Gesamtkunstwerk" auf dem Reißbrett entstanden. (Siehe Siedlungspkan) Viele der vorgesehenen Straßen wurden so völlig neu in die Watdlandschaft der "Dahlwitzer Heide" hinein geschnitten. Wo es möglich war, wurden aber auch vorhandene Straßen und Wege genutzt bzw. von vornherein in die Planungen einbezogen. Das gilt insbesondere für die Köpenicker Allee, die auf Karten aus dem frühen 20. Jahrhundert als schnurgerader Waldweg zu erkennen ist.
Doch bereits auf einer Karte von 1780 erstreckt sich eine Straßen-Verbindung von Köpenick an der (1753 gegründeten) Kolonistensiedlung "Kiekemal" vorbei und über die "Frankfurter Chaussee" (B1/5) hinweg bis zum Dorf Dahlwitz. Hinsichtlich der topografischen Genauigkeit muss man natürlich Einschränkungen machen, so dass nicht völlig klar zu erkennen ist, wie der Verlauf jener damals sicher wichtigen "Nord-Süd-Tangente" durch das spätere Waldesruh tatsächlich anzusetzen wäre. Vieles spricht jedoch für folgende Auffassung, die auch vom Verfasser dieser Zeilen vertreten wird. Zum Dahlwitzer Rittergutsbesitz des preußischen Wirtschafts- und Kriegsministers Samuel von Marschall und seiner Erben - bis hin zur Familie des Grafen von Hacke - gehörten u. a. das erwähnte "Kiekemal" (die heutige Golzower Straße in Mahlsdorf-Süd) sowie die "Heidemlihle". Hinzu kommt, dass besagte Heidemühle (neben der "Rabensteiner Mühle") eigentumsrechtlich bereits für das 15. Jahrhundert mit Köpenick in Verbindung zu bringen ist. Dies alles spricht dafür, dass die jetzige Straße "An der Trainierbahn" Teil eines uralten Verbindungsweges ist, der - zu gutswirtschaftlichen Zwecken - Kiekemal mit Heidemühle und beides mit Dahlwitz verknüpft hatte und darüber hinaus auch Köpenick mit Dahlwitz, Neuenhagen und Altlandsberg.
Bis in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts der Waldesruher Sportplatz angelegt wurde, verlief jedenfalls eine - in alten Zeiten viel befahrene - Wegstrecke von Kiekemal quer über das spätere Sportgelände zur jetzigen Straße "An der Trainierbahn". Mit einem gewissen Recht und aus heutiger Sicht dürfte hier also von der ältesten Waldesruher Straße gesprochen werden. Wenn man es allerdings siedlungsgeschichtlich genauer betrachtet, trifft das wiederum nicht zu. Denn selbst im Waldesruher Siedlungsplan von 1933, der gegenüber dem von 1931 um einige Areale erweitert worden war, gehört jener alte Weg von Köpenick und Kiekemal bis Heidemühle und Dahlwitz keineswegs zur Wohnsiedlung. Dort befand sich nämlich tatsächlich eine Trainierbahn für den Galopprennsport, der von der Familie von Treskow aktiv betrieben wurde. Deshalb blieb der diesbezügliche Gebietsstreifen außerhalb des zu Verkaufszwecken parzellierten Waldgebietes, auf dem seit 1931 Waldesruh entstand.
Zur Trennung zwischen den beiden Bereichen wurde sogar noch mehr getan: Am östlichen Siedlungsrand von Waldesruh wurde ein Waldschutzstreifen angelegt, der nun das heranwachsende Wohngebiet gegenüber der (am Westrand der alten Straße entlang führenden) Trainierbahn abschirmte. Die Siedlung endete damals mit den an der Scharnweberstr. liegenden Häusern und Grundstücken. Dahinter lag der Wald, dessen Bäume bald eine betrrächtliche Höhe gewannen und so die Sicht zum Erpetal versperrten. Alten Unterlagen zufolge wird jener Waldstreifen zu den 25 % des Waldesruher Territoriums gehört haben, die von den Treskows nicht an "Kolonisten" veräußert, sondern der Gemeinde Dahlwitz-Hoppegarten für den "Gemeinbedarf" überlassen wurden - für Straßen, Platze und nicht zuletzt für die geplanten, nicht unbeträchtlichen Grünbereiche. Seinerzeit soll es übrigens die amtliche Order gegeben haben, dass jeder Besitzer einer Waldparzelle zwar eine "Ausnahmegenehmigung" für sein Baurecht beantragen konnte, in jedem Falle aber mindestens 9 Bäume auf seinem Anwesen stehen lassen musste.
Die Situation "An der Trainierbahn" sollte sich nach 1945 radikal ändern. Die Bodenreform in der Sowjetischen Besatzungszone (um 1946/47) führte dazu, dass der Treskowsche Grundbesitz enteignet, aufgeteilt und neuen Nutzern übergeben wurde. In diesem Zusammenhang ist man in der Gemeindeverwaltung auf die Idee gekommen, die wahrscheinlich seit Jahren nicht mehr benutzte und teilweise "begrünte" Trainierbahn ebenfalls zu parzellieren. Damit sich keine allzu schmalen, kaum nutzbaren Landstreifen ergeben, hat man gleich noch den daneben liegenden, im Eigentum der Gemeinde befindlichen Waldschutzstreifen dazu geschlagen. Bei der Parzellierung wurden die neuen Grundstücksgrenzen jeweils quer durch den Waldstreifen und die Trainierbahn hindurch gezogen. Frei blieb nur die Straße von Kiekemal nach Heidemühle, die nun als Siedlungsgrenze fungierte.
Erst damit wurden die Trainierbahn selbst sowie jene uralte Straße Bestandteil der Waldsiedlung. Von Wohnungsbau war aber zunächst noch nicht die Rede. Es ging vielmehr um Acker- (bzw. Garten-)Bau und Waldwirtschaft, also um die Beförderung des Lebensunterhalts der neuen Eigentümer oder Pächter. Gebaut wurden allenfalls Lauben, Hütten oder Schuppen.
Nachdem die größte materielle Nachkriegs-Not überwunden war, setzte sich bei der Nutzung der Grundstücke immer mehr die Erholungsfunktion durch. Die baulichen Nutzungsrechte blieben entsprechend eingeschränkt, so dass der Waldstreifen zunächst weitgehend erhalten blieb und sich teilweise sogar noch auf das ehemalige Trainierbahn-Gebiet ausbreiten konnte.
Bald kamen dann aber andere Tendenzen zur Geltung. Aus Lauben wurden Bungalows und aus Bungalows immer öfter regelrechte Wohnhäuser oder gar "Paläste". Ob und in welchem Umfange diese Vorgänge wirklich rechtens, z.B. raumplanerisch "in Ordnung" waren und den Vorgaben der Landesentwicklungsplanung entsprachen, steht auf einem anderen Blatt. Als geschichtliche Tatsache ist jedenfalls zu konstatieren: Der Waldstreifen, der nicht nur eine ökologische Funktion hatte, sondern zugleich als wesentliches Element zum landschaftlichen Charakter am Rande des Erpetals gehört, wurde bzw. wird weiterhin mehr und mehr "zerfressen". Wobei an die Stelle gefräßiger Borkenkäfer und anderer Waldschädlinge die nicht minder gefräßige Kettensäge trat.
Der uns heute selbstverständlich erscheinende Tatbestand, dass die Straße "An der Trainierbahn" zur Siedlung Waldesruh gehört - und damit vielleicht als die allerälteste, schon seit dem Mittelalter benutzte Straße in unserem Gemeindeteil bezeichnet werden kann - ist also teuer erkauft worden. Spätestens seit den sechziger Jahren setzte eine zunehmend massiver werdende Wohnbebauung ein,die selbst bei behutsamem Vorgehen der (sehr unterschiedlichen) Bauherren zu Lasten des einst öffentlichen Waldbestandes gehen musste. Einen ersten Höhepunkt stellte die Besiedlung eines Waldbereichs an der nach Norden verlängerten Köpenicker Allee (Ecke HeidemühlerWeg) dae, in einem Winkel, vor dem einst Trainierbahn und Waldschutzstreifen einen Schwenk in westliche Richtung vollzogen hatten, während die alte Straße geradenwegs weiter nach Heidemühle führte. Dort hatte die in Heidemühle ansässige, dringend an Arbeitskräften interessierte Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft eine rechtliche "Grauzone" genutzt (oder mit "höherer" Hilfe herbeigeführt), um Mitgliedern und Landarbeitern einen Anreiz zu geben, sich ein Haus zu bauen und somit "bei der Stange zu bleiben".
Heute, da das Streben nach bebaubarem Grundbesitz in bester Landschaftslage gewiss noch größer ist als zu DDR-Zeiten, bleibt die bange Frage: Wird der streckenweise schon sehr weit vorangetriebene Prozess relativ dichter Wohnbesiedlung in Grün- und Waldbereichen am Rande eines Natur- und Landschaftsschutzgebietes zur Veranlassung genommen, nun auch noch das bislang verschont Gebliebene den überall lauernden Kettensägen zum Fraße vorzuwerfen (vielleicht noch unter Berufung auf "Gleichbehandlung")? Oder entschließen wir uns, möglichst viel von dem zu retten, was noch zu retten ist?
Quelle: "Erlesenes und Erlaufenenes", Streifzüge durch die Geschichte von Dahlwitz-Hoppegarten, Kulturverein Grünes Tor Dahlwitz Hoppegarten, Hoppegarten 2008