Porträt einer Landschaft und ihrer Geschichte


Peter Brock

Eine Wanderung durch das Erpetal

Dahlwitz-Hoppegarten, vor 700 Jahren ein unbedeutendes Straßendorf, liegt in einer Landschaft, die sich dem Betrachter wie ein aufgeschlagenes Buch offenbart.

Eine sehr beliebte Wanderroute beginnt am Friedrichshagener S-Bahnhof. Der Wanderer bewegt sich von Süden her aus der Niederung des Berliner Urstromtals in nördlicher Richtung bis auf die höher liegenden Ausläufer des Barnim-Plateaus. Auf diesem Wege erschließen sich ihm die Natur und die Historie einer besonders reizvollen Landschaft.
Nach Verlassen des Bahnhofs befinden wir uns am idealen Ausgangspunkt der Wanderung. Der Weg führt nordwärts durch den Kurpark an einer Tennisanlage vorbei in die Kleingartenanlage "Erpetal“.

Nach wenigen Metern, immer der blau- weißen Markierung des Europäischen Fernwanderweges E 11 folgend, trifft der Wanderer auf die Erpe, die uns fast bis zum Bahnhof Hoppegarten begleiten wird. Der Weg führt nun am östlichen Ufer stromaufwärts. Wir überqueren die drei Erpe-Brücken, an denen wir vorbeikommen, nicht, sondern wandern bis zur Mühlenstrasse in Ravenstein weiter. Hier ist es möglich, einen ersten Blick in das sich öffnende idyllische Erpetal zu werfen.

Der Weg führt weiter Richtung Osten, die Mühlenstrasse entlang bis zur Abbiegung nach links immer an den Grundstücken vorbei. Nun verläuft der E11 unter schattigen Bäumen, mit Blickkontakt zum Erpetal, Richtung Heidemühle. Auf halber Strecke befindet sich ein Rastplatz mit herrlicher Aussicht ins Flusstal und lädt zum Verweilen.

Nach wenigen Gehminuten ist Heidemühle erreicht und wir können an Informationstafeln Interessantes über Ort und Umgebung erfahren. Nun verläuft die Route wieder durch Wald, die Erpe bleibt rechts von uns. Nach ca. 1,5 km überqueren wir die Friedrichshagener Chaussee. Der E11 durchläuft nach einiger Zeit eine wunderschöne Wiesenniederung. Hier fließt nach größeren Niederschlägen der Werner-Graben. Dieses Tal ist ein Abzweig der Erpe und nimmt heute den Graben auf.

Von hier ist der Weg nicht mehr weit bis Dahlwitz. Vorbei an alten Eichen und Buchen, die ab Heidemühle immer wieder mal unseren Weg säumen (Zeugnisse der alten Wegführung zur Heidemühle), treffen wir auf die alte Grabstätte derer von Treskow.

Nach Unterquerung der neuen Umgehungsstraße der B1 erreichen wir die Alte Berliner Straße, einst Teil der Reichsstraße 1, die Aachen mit Königsberg verband. Rechterhand liegt der Schlosspark (nach Planungen von P. J. Lenné), der es lohnt durchwandert zu werden. Den Markierungen folgend, geht es durch Dahlwitz in dessen Kern. Am Wegesrand sind immer mal wieder kleine Tafeln im Dorf angebracht, um die Aufmerksamkeit auf einzelne Denkwürdigkeiten zu lenken. Im Dorfkern am Anger finden sich die Evangelische Kirche, die alte Dorfschule und das Treskowsche Herrenhaus. Den Anger entlang erreicht der Wanderer den historischen Dahlwitzer Friedhof. Dieser birgt einige Besonderheiten und lohnt einen Besuch. Weiter geht es hinter dem Friedhof in Richtung S-Bahnhof Hoppegarten.

Der kleine Bach, über den der Weg führt, ist die Zoche, die unweit in die Erpe mündet. Die Wiesen liegen hinter uns und die Rennbahnallee ist erreicht. Zum Bahnhof sind es nur noch wenige Gehminuten. Rechterhand liegt die Rennbahn Hoppegarten. Ein schöner Vorplatz grüßt die Freunde des Galopprennsports. Nur wenige Meter entfernt, auf dem Gelände der Gemeindeverwaltung, befindet sich das Domizil des Kulturvereins "Grünes Tor“ e.V. und seiner Heimatstube. Die Wanderroute zwischen der S 3 und der S 5 ist nun zu Ende und der Wanderer kann bequem die Heimreise antreten.

Wie schon bemerkt, durchquert der E11 die Landschaft in einer Art und Weise, die alle Formen, Verformungen und Beschaffenheiten, die aus der erdgeschichtlichen Etappe der Eiszeit herrühren, erlebbar werden lässt. Genau diese Tatsache macht das Wandern zwischen den S-Bahn-Strecken so interessant. Werfen wir aber zunächst einen Blick darauf, wie sich die Gemarkung von Dahlwitz-Hoppegarten in ihr geographisches und geomorphologisches Umfeld einordnet.

Eiszeitliche Ursprünge der Barnim-Landschaft

Auf dem heutigen Gebiet der Großgemeinde Hoppegarten nimmt der Ortsteil Dahlwitz-Hoppegarten einen Mittelplatz zwischen Hönow westlich und Münchehofe im Osten ein. Alle Ortsteile befinden sich geologisch gesehen an äußerst interessanter Stelle des Barnims. So nennt man die Gegend, in der wir uns bewegen, schon seit mittelalterlichen Zeiten. Der Barnim teilt sich in Ober- und Niederbarnim - eine strukturreiche Landschaft im Osten Brandenburgs. Um sich eine Vorstellung von den Ausmaßen des Barnims zu machen, ist es gut, einmal auf die Landkarte zu schauen - und schon sieht der geschulte Blick des Betrachters die natürliche Umströmung unserer Hochfläche.

Seine Grenzen werden jeweils von riesigen Urstromtälern im Norden und Süden markiert. Das Tal im Norden ist das Finowtal und nennt sich Eberswalder Urstromtal. Im Süden bildet das Berliner Urstromtal die Grenze - uns natürlich viel vertrauter. Im Westen die Havel und im Osten die Oder, sie bilden die natürliche Begrenzung des Barnim. Aus der Schilderung der geografischen Lage wird schon deutlich, dass es um eine Hochfläche gehen muss. Unser Raum, die Region nördlich und östlich von Berlin, gehört zur Landschaft Nieder-Barnim. In nordöstlicher Richtung, also Buckow, Bad Freienwalde, Eberswalde (damit bewegen wir uns im Ober-Barnim und an der Grenze zum Lebuser Land), steigt die Landschaft auf teilweise über 90 m üNN. Höchste Erhebung ist der Semmelberg, er bringt es immerhin auf stolze 157 m üNN. Der Niedere Barnim bewegt sich so etwa in Höhen von 60 m ü NN. Umgeben ist die Hochfläche des Barnim von weiteren markanten Erhebungen. Im Süden grenzen der Fläming sowie die Erhebungen des Teltow ans Berliner Urstromtal. Auch im Norden kennen wir die Landschaft der Schorfheide, eine Hochfläche ähnlich dem Barnim, aber viel mehr bewaldet. Das Lebuser Land und der Glien sind die benachbarten Höhenzüge im Osten und Westen Beim Durchschreiten des Areals von Süd nach Nord, also vom Ufer der Spree in Richtung Hoppegarten, spüren wir auf jeden Fall den Höhenunterschied. Abhängig vom Ausgangspunkt erscheint unweigerlich nach nur wenigen Kilometern die Kante des Niederbarnimer Plateaus. In unserer Gemarkung ist alles sehr bewaldet und auch bebaut. Gut erkennbar wird der Höhenzug, wenn man von Waldesruh in Richtung Dahlwitz wandert, auf den westlich gelegenen Feldern. Die Landschaft steigt merklich an und man kann die höher gelegene Bundesstraße von weitem erkennen. Einen noch besseren Eindruck von der Hochfläche bekommt man zwischen Mahlsdorf und Kaulsdorf. Die Siedlung Elsengrund liegt tief im Berliner Urstromtal, und steil aufwärts führt der Weg zur Bundesstrasse 1 hinauf auf das Plateau. Diese Stelle nennt man auch den "Berliner Balkon“. Ähnlich ist dieses Phänomen auch im Machnow auf dem Weg nach Münchehofe zu sehen.

Vom "Balkon” aus blickt man weit ins niedere Land des Berliner Urstromtales. Gut zu erkennen sind die Erhebungen der Müggelberge, und der Blick geht weit in Richtung Südwest in die Stadt hinein. Im Südosten schimmern am Horizont die Berge um Woltersdorf. Auch sehr markante Bauwerke stechen in nicht so großer Entfernung aus dem überwiegenden Grün der Landschaft hervor; unter anderem die Kirche von Friedrichshagen oder die Hochhäuser von Britz und Buckow sowie Türme und Masten. Viel zu schnell geht der Blick beim üblichen Vorbeifahren über diese Landschaft hinweg. Die beste Position zum Schauen bietet sich auf dem Platz der ehemaligen Mahlsdorfer Mühle. Auf diesem Mühlberg, der erst vor kurzer Zeit wieder begehbar wurde und in unmittelbarer Nähe des Mahlsdorfer Gutshauses (heute Gründerzeitmuseum) liegt, lässt es sich gut verweilen.

Nach all der Schilderung fragt sich der Beschauer, welchen Ursprung wohl diese stark gegliederte Landschaft hat. Wieso liegt ausgerechnet Berlin um so viel tiefer als die Landschaft rings umher. Auch ist es interessant, weshalb sich am unmittelbaren Rand des Barnim so viele Dörfer reihen. So zum Beispiel Lichtenberg, Friedrichsfelde, Biesdorf, Kaulsdorf, Mahlsdorf und nicht zu letzt auch Dahlwitz. Alle diese Orte befinden sich an der unmittelbaren Kante der Hochfläche. Das Phänomen der Besiedlung soll aber nicht an dieser Stelle erörtert werden (siehe Kapitel 2).

Landschaftsspezifisch sind auch die vielen kleinen Berge und Täler. Alles in allem ist der Barnim ein recht hügeliges Land. Nicht zu vergessen sind Flüsse und Seen im Gebiet der Hochfläche. Wir selbst haben dass Glück, an einem solchen Flüsschen zu leben. Die Erpe ist eines der typischen kleinen Gewässer, die sich aus den Höhen herab ins Berliner Urstromtal schlängeln. Auch den einen oder anderen See gibt es auf der Hochfläche. Von der letzten Eiszeit geformte Seen sind in der Rinne des Gamengrundes, von Tiefensee bis zum Straussee, und darüber hinaus zu finden. Trotzdem ist der Barnim im Vergleich zu anderen Regionen ein sehr trockenes Gebiet. Neben der Erpe, die auch Neuenhagener Mühlenfließ genannt wird, durchfließt die Zoche unsere Gemarkung. Auf diese beiden Fließgewässer wird später noch genauer eingegangen. Größere Wasserflächen kann unser Ort leider nicht vorweisen, kleinere Tümpel und Teiche allemal. Doch diese kleinen Wasserflächen sind ebenfalls von großer Wichtigkeit für den Naturhaushalt der Region.

Im Laufe der Erdgeschichte durchlief unsere Landschaft wechselvolle Zeiten. Viel Phantasie ist gefragt, wenn man sich vorstellen soll, dass dort, wo wir uns heute befinden, vor ca. 250 Millionen Jahren (im Trias) sich alles aber auch alles unter einem riesigen Meer befand. Nichts als Wasser und das bis weit in den Süden unseres Landes hinein. Besser kann man es nachvollziehen, wenn wir die Kalkbrüche von Rüdersdorf besuchen - eine mächtige Muschelkalkablagerung aus genau jener Zeit. Und dabei ist das Vorkommen in Rüdersdorf lange nicht alles, was an Kalkstein in unserem Boden lagert. Auch tief unter Hoppegarten liegen gewaltige Kalkstein-Vorkommen sowie darüber hinaus in ganz Europa. Viele Millionen Jahre brauchte es, um solch eine gewaltige Masse von Muscheln, Schnecken und anderem Getier abzulagern. Das Klima dieser Zeit war subtropischer Natur, die Erde wurde von den ersten Sauriern und Echsen bevölkert.
Vor nicht allzu langer Zeit, also etwa vor 20 000 Jahren, kühlte sich die Nordhalbkugel der Erde wieder einmal spürbar ab. Im Mittel handelte es sich um eine Absenkung von nur etwa 5° C im Vergleich zur heutigen durchschnittlichen Temperatur. Diese Abkühlung, die sich über einige Tausende Jahre hinzog, reichte aus, um Nordeuropa unter einem riesigen Eispanzer verschwinden zu lassen. Im Ergebnis dieser Eiszeit wurde unsere jetzige Landschaft geformt und geprägt. Eismassen, die sich von Skandinavien südwärts ausbreiteten, wälzten sich auch über unsere Gegend Etwa vier Vorstöße des pleistozänen Inlandeises über das Norddeutsche Tiefland hat es gegeben. Immer mächtiger gestalteten sich die Gletscher und transportierten Unmengen von Material mit sich. Die Mächtigkeit der Ablagerungen erreichte bis zu 350 m Höhe. Unter der Last von Eis und Schnee zermalmten die Eismassen alles, was sich am Boden des Gletschers befand. Heute machen diese Materialien unsere Böden aus. Wir finden Sande, Mergel, Lehme und Ton.

Die einzelnen Perioden der vorrückenden Eismassen sorgten also für die heutige Beschaffenheit unseres Bodens. Unterschiedliche Beschaffenheit beeinflusste auch die Besiedlung der Region schon in ihren Anfängen. Auf den höher gelegenen Flächen um Dahlwitz-Hoppegarten kam ein für den Ackerbau ergiebigerer Boden vor als in der Niederung der Spree. Die Birkensteiner Böden beispielsweise sind lehmhaltig und fruchtbares Ackerland. Die Flächen um Dahlwitz konnten nach Erfinden entsprechender Ackergeräte auch intensiv zur Bewirtschaftung genutzt werden. Anders in der Niederung des Spreetals. Hier haben die reißenden Schmelzwasser zum Ende der letzten Eiszeit nicht mehr viel übrig gelassen von den fetten Böden der einstigen Hochfläche des Barnims. Waldesruh, eine Waldsiedlung, die sich komplett im Urstromtal befindet, ist total auf Sand gebaut. Nicht zuletzt aus diesem Grund lieferten zu DDR-Zeiten sowohl Waldesruh als auch der noch zu beschreibende Machnow (südlich von Münchehofe) bedeutende Mengen Sand für die Wohnungsbauten im benachbarten Hellersdorf und Marzahn. Was die Böden in den Niederungen von Zoche und Erpe betrifft, so sind dies typische Wiesenböden. Teilweise aus ursprünglichen Mooren entstanden, sind sie noch heute wichtige Feuchtlandschaften mit hoher Wertigkeit für die Artenvielfalt und den Wasserhaushalt der Region.

Von den weichen Böden nun zu den äußerst festen Hinterlassenschaften aus besagten Eiszeiten. Riesige Feldsteine, die sich im Gletscher befanden, wurden nach dem Abschmelzvorgang hier abgelagert. Unmengen von kleineren Feldsteinen liegen seit Jahrtausenden in unserer Landschaft. Alle haben ihren Ursprung in den Gebirgen Skandinaviens. Sie waren einst um vieles größer. Die Gewalt des Eises machte aus ihnen Sand, Kies, Mergel, Lehm oder Ton Aus den massenhaft auftretenden Felssteinen in allen Größen bauten unsere Vorfahren Kirchen, Häuser, Straßen und vieles mehr. Dennoch liegen immer noch Unmengen in den Böden Norddeutschlands.
Die Endmoränen-Landschaft, die wir hier in unserer Gemarkung finden, ist also ein Ergebnis der letzten Eiszeit. Sie wird heute als Weichsel-Spree- oder auch Warschau-Berliner Eiszeit bezeichnet. An dieser genannten Grenze war der Vormarsch der eiszeitlichen Gletscher beendet. Der Grund dafür: es fehlte der Nachschub an Niederschlag. In diesem Fall ist natürlich Schnee gemeint. Und wenn es nicht mehr genug schneit, dann sind unter anderem die steigenden Temperaturen daran schuld. Langsam und allmählich wurde es wärmer in unseren Breiten. Die Gletscher kamen zum Stehen. Alles, was sie bisher mit sich getragen, unter sich zermahlen und abgeschliffen hatten, verharrte nun an Ort und Stelle. Die Landschaft war geschunden, kein Wald, kaum Leben im ewigen Eis.
Durch die steigenden Temperaturen beginnen die Eismassen zu schmelzen. Zuerst an den äußeren Rändern, es bilden sich die ersten Flüsse. Es wird immer wärmer und die Schmelzwasser nehmen Ausmaße an, die wir uns heute kaum vorstellen können. Topografische Gegebenheiten nutzend, suchen sich die Wasser ihren Weg. Da die Eismassengrenze etwa hier in unserem Gebiet verlief, bildeten die Schmelzwasser die Niederung von Weichsel und Spree. Durch die schon geschilderten Massen schuf sich das Wasser sein immer größer werdendes Flussbett. So oder so ähnlich entstand die riesige Niederung des Berliner Urstromtales.
Immer weiter wichen die Eismassen in Richtung Norden zurück. Auch an Mächtigkeit verloren sie Meter für Meter. Waren sie am Ende ihres Vormarsches noch 350 m und höher, so schmolzen sie jetzt immer mehr zusammen. Infolge dieses Prozesses war irgendwann nicht mehr genügend Wasser für das riesige Urstromtal vorhanden. Der Pegel dieses Stromes sank ganz allmählich.

Nun kommt die Stunde unserer Erpe - alles in Hunderten von Jahresschritten. Der Eispanzer entfernte sich immer weiter vom Urstromtal, aber Schmelzwasser fielen noch in großen Mengen an. Durch die unregelmäßigen Ablagerungen des Gletschers, der die Endmoränen-Landschaft nun allmählich freigab, bahnten sich die Schmelzwasserflüsse ihren Weg ins tief eingeschnittene Urstromtal. Eine dieser eiszeitlichen Abflussrinnen ist unsere Erpe, offiziell Neuenhagener Mühlenfließ genannt. Auch die Erpe war im Verlauf ihrer Entstehung ein gewaltiges Gewässer. Im Vergleich zu heute ein reißender Strom, zumindest in den Sommermonaten. Die Ufer dieses Stroms erkennen wir noch heute deutlich in der Landschaft. Wenn man am Rand des Erpetals steht, dann sind es oft einige hundert Meter von Ufer zu Ufer. Schon gewaltig, was sich damals für Wassermassen zu Tal wälzten. Auch andere Flüsse unserer Region bildeten sich zu dieser Zeit und führten ebenfalls große Mengen Schmelzwasser gen Tal. Zu nennen wären da das Fredersdorfer Mühlenfließ, die Wuhle oder auch die Panke.
Noch einen letzten Gedanken zu den Gletschern der Eiszeit vor über 10 000 Jahren. An allen uns heute bekannten Gletschern, zum Beispiel in den Alpen oder in Norwegen, vollzieht sich die gleiche Entwicklung wie damals am Ende der Eiszeit. Diese letzten Eisvorkommen in Europa sind Zeugen, an denen anschaulich beobachtet werden kann, wie sich die Erwärmung des Klimas auf unsere Gletscher auswirkt. Praktisch erleben wir in diesem Jahrhundert das Ende der letzten Eiszeit. Dass dies von Menschenhand beschleunigt wird, steht außer Frage.

Kommen wir zurück zur Erpe. Sie existiert mindestens 10 000 Jahre. In dieser langen Zeit hat sie so manche Wandlung hinter sich gebracht. Irgendwann nahmen die Wassermassen ab und das Flussbett wurde schmaler. Trotzdem versiegte die Erpe nie, bis heute nicht. Ihr Quellgebiet liegt unter anderem in den feuchten Wiesenlandschaften des oberen Barnim, in der Nähe zu den Dörfern Weesow und Wilmersdorf. An Werneuchen vorbei wird Krummensee passiert und vor Altlandsberg vereinigt sie sich mit dem kleineren Zufluss der Stienitz. Bis dorthin hatten die einzelnen Zuflüsse schon verschiedene Namen. Die Stienitz kommt aus der Richtung des Bötzsees, hat aber keinen direkten Kontakt mit ihm. In alten Beschreibungen wird die Erpe ebenfalls als Stienitz bezeichnet.
Wo die einzelnen Erpe-Zuflüsse Altlandsberg erreichten und schon eine gewisse Wassermenge vorhanden war, entstanden die ersten Mühlen. Altlandsberg besaß deren zwei. Eine Walkmühle als Voraussetzung für das Tuchmacherhandwerk. Die zweite im Ort war eine Getreide-Mühle und wurde erstmals 1428 erwähnt. Beide lagen jeweils vor den Stadttoren im Norden und im Westen der Stadt. Insgesamt dürften an der Erpe mindestens sechs Mühlen ihre Arbeit verrichtet haben. Innerhalb unserer Gemarkung gab es immerhin drei urkundlich erwähnte Wassermühlen. Nur ein Gebäude steht, mehrfach umgebaut, heute noch in Heidemühle.

Die Mühle in Dahlwitz, am Kreuzungspunkt von Erpe und Alter Berliner Straße (siehe Kapitel 2), und das Mühlgebäude in Ravenstein sind vom Erdboden verschwunden. Ihre Standorte sind bekannt, aber nicht mehr als solche wahrnehmbar. Auch die dazu gehörenden Mühlteiche wurden eliminiert.
Das Tal der Erpe in Dahlwitz-Hoppegarten ist noch heute gut zu erkennen. Die Niederung erstreckt sich zum Teil einige Hundert Meter breit. Aus Neuenhagen kommend, fließt sie hinter der Rennbahn in ihrem alten Bett durch ein wunderschönes Waldgebiet. Hier sind noch deutlich die Mäander des Flusses zu erkennen. Bald darauf wird die Rennbahnallee unterquert, zur Rechten mündet der bedeutendste Zufluss der Erpe. Der Zochegraben erreicht das Neuenhagener Mühlenfließ aus Richtung Norden und durch ein weites Wiesental. Die Bezeichnung Zoche stammt aus dem Slawischen und bedeutet Dürrebach oder Trockenbach. Seinen Ursprung findet der kleine Fluss im Umfeld der Ortschaft Krummensee. In Anbetracht des tief eingeschnittenen Tals, gut zu beobachten an der Chaussee zwischen Neuenhagen und Hönow, sind auch hier in grauer Vorzeit gewaltige Wasser gen Erpetal geflossen. Dem Namen nach ist der Bach zur Zeit der slawischen Besiedlung oft in Dürrezeiten trocken gefallen oder zumindest nur noch spärlich dahingeplätschert.
Die Erpe sucht ihren Weg weiter hinter der heutigen MEDIAN-Klinik, durchfließt an dieser Stelle ein noch fast unberührtes Wiesental. Hier finden zum Beispiel der Rotmilan und auch die seltene Wasseramsel Nistmöglichkeiten, die woanders längst zerstört wurden. Nur wenige dieser Rückzugsgebiete gibt es noch an unseren Flüssen und Bächen, und es wird immer bedrohlicher für sie. Es schließt sich an die Passage durch den Dahlwitzer Lenné-Park. An anderer Stelle wird auf dieses Kleinod noch ausführlicher eingegangen (siehe Kapitel 3 und 4). Nach Querung der Bundesstraße 1 nimmt der Fluss die zeitweiligen Wasser des Wernergrabens auf. Hier an dieser Stelle ist ein kleines Wiesental, gleichfalls eiszeitlich bedingt entstanden, in dem der Wanderer Beschaulichkeit und Ruhe genießen kann.

Dieses unscheinbare Tal war zur Zeit ihrer Entstehung Teil eines Abzweiges der Erpe. Der Einschnitt in die Landschaft ist gut an der Senke der Friedrichshagener Chaussee zu bemerken. Weiter zieht sich der Einschnitt durch den Wald, öffnet sich im Süßen Grund bei Waldesruh und erreicht die Erpe in Höhe des Sperlingsberges, einer nacheiszeitlichen Sanddüne bei Heidemühle. Hier teilten sich scheinbar die Schmelzwasser und ein geringer Teil floss durch diese Passage. Heute erinnern daran nur noch besagte Senken, die als Moorwiesen zurückblieben.
Der Fluss hat nun an erwähnter Bundesstrasse 1 den ehemaligen Mühlenstandort passiert. Zur nächsten Mühle sind es ca. drei Kilometer. Die Erpe ist hier längst begradigt und nimmt an einem Abzweig die Wasser vom Klärwerk Münchehofe in ihr nicht mehr natürliches Bett auf. Tiefer gelegt und schneller fließend, passiert sie die Heidemühle und durchfließt das immer noch idyllische Erpetal unweit von Waldesruh. In diesem Abschnitt wird die Einflussnahme auf den natürlichen Lauf der Erpe am deutlichsten. Durch dass offene Wiesental ist nichts mehr vom natürlichen Flusslauf zu spüren. Erste gravierende Eingriffe in den natürlichen Lauf begannen nach Übernahme des Ritterguts Dahlwitz durch die Familie von Treskow. Das Begradigen der Erpe und das Anlegen seitlicher Meliorations-Gräben erlaubten bald die intensive Nutzung des Tals. Wiesen- und Weidewirtschaft konnten effizienter betrieben werden, und auf der trockengelegten Wiesenfläche fand auch noch eine Trainierbahn Platz. Gerade hier sind die Auswirkungen der geschilderten Maßnahmen gut zu erkennen. Der Fluss kann nicht mehr in Mäandern fließen, die auch der Reinigung des Wassers dienen. Der tiefe, relativ schnelle Wasserfluss entzieht dem umliegenden Wiesen die nötige Feuchtigkeit, das Tal droht zu versteppen. Entgegen wirkende Maßnahmen wie das Anlegen von seitlichen Bewässerungsgräben können die entstandenen Defizite nicht ausgleichen. Diese Renaturierungs-Maßnahmen wurden erst 1989 in Angriff genommen, als die Auswirkungen im Tal nicht mehr zu übersehen waren.

Viel früher, so um 1907, hatten weitere Eingriffe in den Naturhaushalt ihren Anfang genommen. Bis heute, und das in perfektioniertester Form, wird Berliner Abwasser ins Erpetal verbracht. Schon der erwähnte Herr von Treskow überließ Berlin zum Zwecke der Abwasser-Verrieselung den Machnow, 74 ha und dazu als Reserve noch ca. 40 ha im Erpetal bei Heidemühle. Der Machnow, zuvor eine bewaldete Fläche, kommunalpolitisch zu Dahlwitz-Hoppegarten gehörig, liegt östlich des Erpetals und grenzt an den Berliner Stadtforst. Nach Anlegen der Rieselfelder im Machnow entwickelte sich auf diesem Terrain ein florierender Gemüse-Anbau. Gemüsebauern bestellten die Becken und sorgten für die reibungslose Verteilung der Abwässer. Landwirtschaft und Abwasserentsorgung liefen im Machnow Hand in Hand. Die im Erpetal angelegten Becken hingegen wurden nur wenig genutzt. Pumpenhäuschen, die damals für den Zufluss der Abwässer sorgten, standen noch bis in die 70er Jahre. Die aufregendste Zeit dürfte der Machnow erlebt haben, nachdem der Union-Klub ihn 1926 von den Berliner Stadtgütern gepachtet hatte, um rings um die Becken eine Gras-Trainierbahn anzulegen.
Zu DDR-Zeiten, speziell Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts, überlastete man die Rieselfelder in einem Maße, das für die Grundwasserqualität unzumutbar wurde. Der Bau des Klärwerks Münchehofe war die Folge der Misere. Das eiligst errichtete Werk reinigte fortan die Berliner Abwässer. Dies hatte die bislang letzte Begradigung und Vertiefung der Erpe zur Folge. Musste doch der ungehinderte Abfluss der gereinigten Abwässer über die Erpe gewährleistet werden. Nichts desto trotz steht das gesamte Erpetal in Dahlwitz-Hoppegarten unter Naturschutz. (Zur Unterschutzstellung gleich mehr.)
An der schon erwähnten Ravensteiner Mühle verlässt uns die Erpe und durchfließt die feuchten Niederungen, die zu Friedrichshagen gehören. Ein sehr schöner Abschnitt, wo sich der Fluss durch Gartenkolonien und Wiesen leider nicht mehr schlängelt. Kurz vor der Mündung verzweigt der Fluss sich in zwei Arme. Anfang des 18. Jahrhunderts entstand der sogenannte Freigraben, er sollte die Hochwasser-Gefahr besser beherrschbar machen. Der ursprüngliche Mündungsarm blieb erhalten und trieb die letzte Mühle der Erpe an.
Die abwechslungsreiche Reise des kleinen Flusses ist zu Ende. Immerhin legte er vom Barnim herunter ins Urstromtal eine Strecke von nicht weniger als 34 km zurück, um seine Wasser der Spree zu spenden. Womit wir wieder am Ausgang unserer Wanderung sind. Heute fließt die Spree gemächlich dahin und ist dankbar für jeden kleinen Zufluss, der sie speist. Damals im Laufe der Abschmelzung der riesigen Eismassen wurden wohl ganz andere Mengen von Wasser in diesen Tälern bewegt.

Landschaftsschutz und Tourismus

Das Erpetal, eine der schönsten Flussniederungen im Umfeld Berlins, war und ist zugleich eines der empfindlichsten Biotope unserer Landschaft. Seit geraumer Zeit wird um die Erhaltung und Bewahrung dieses Tals gerungen. Unwiderrufbare Eingriffe haben dazu geführt, Maßnahmen zu ergreifen, die der weiteren Zerstörung Einhalt gebieten sollen.
Bekannt sind erste staatliche Schutzmaßnahmen zum Erhalt des Baumbestandes aus dem Jahre 1924. Der damalige Landkreis Niederbarnim stellte das Erpetal im Jahre 1938 in den Status eines Landschafsschutzgebietes. Wenige Jahre nach dem Ende des 2. Weltkrieges erfand man den Begriff eines “Flächendenkmals Erpewiesen“ und wollte so den Schutz sicherstellen. Dennoch wurde das ca. 180 ha große Areal weiterhin den bereits geschilderten Belastungen ausgesetzt.
Die Gemeinde Dahlwitz-Hoppegarten und die Untere Naturschutzbehörde im Landkreis Märkisch-Oderland strebten nach der Wende gemeinsam an, das Neuenhagener Mühlenfließ und seine Vorfluter unter Naturschutz bzw. Landschaftsschutz zu stellen. Geschlagene fünf Jahre dauerte dieses Verfahren, bis endlich der Naturschutz für das Erpetal unter Dach und Fach war. Aus dem beigefügten Kartenausschnitt werden die Grenzen der Schutzzonen, die ab 2001 gelten, deutlich.

Nach wie vor jedoch steht dieses Tal unter ökologischem Dauerdruck. Die Erpe ist bis heute nicht renaturiert worden. Der Klärwerkseinleiter speist den Fluss wie eh und je mit gereinigtem Klärwasser. Die Bebauung tritt immer weiter heran ans Tal und strahlt in beruhigte Gebiete aus. Nicht zuletzt der Missbrauch als Hunde- und Pferdeauslaufgebiet macht dem Erpetal zu schaffen. Unser Erpetal wird mit alledem überfordert und braucht weiter unsere Hilfe. Die angestrebte Ruhezone für die Natur ist ein hehres Ziel. Sicher werden noch Generationen nach uns mit dieser Aufgabe beschäftigt sein und für den Erhalt des Tals kämpfen müssen. An Kompromissen zur Nutzung der Natur im Erpetal ist kein Mangel. An beiden Abbruchkanten folgen Wege unmittelbar den Naturschutzgrenzen. Auch Querungen sind angelegt und führen den Wanderer durch die geschützten Landschaften hindurch. Offiziell angelegte Wanderwege erzielen einen großen Erholungseffekt für Bürger und Besucher. Ein exemplarisches Beispiel dafür ist der Europäische Fernwanderweg E 11. Fast 10 km hat der Wanderer vor sich, will er den gesamten Weg in unserer Gemarkung bewandern.
Warum ist dieser für ganz Europa bedeutsame Weg durch unsere Region verlegt worden? Einerseits ist Brandenburg vergleichsweise dünn besiedelt. Hier kann der Wanderer noch die Natur in ihrer Ursprünglichkeit erleben. Weite Teile des Landes sind zwar uraltes Kulturland, aber immer wieder wird der Blick frei und schweift bis an den Horizont über unbesiedelte Naturareale. An gegebener Stelle und mit geschultem Blick schaut man geradezu in die Zeit vor 15 000 Jahren hinein. Die Landschaft offenbart, wie bereits beschrieben, ihre Geschichte jedem, der sie sehen will.

Gerade um solche schönen Abschnitte sind die "Wegbereiter" bemüht gewesen, als sie Wanderwege dieser Art planten. Durch Brandenburg führen zwei Europäische Fernwege, sie kreuzen sich unmittelbar am Potsdamer Bahnhof. Von diesem Standort her hat der Wanderer vier verschiedene Strecken durch Brandenburg zur Auswahl. Ausgangspunkt des E11 ist natürlich nicht die Brandenburgische Haupstadt.
Haarlem in Holland an der Nordsee, also ganz im Westen Europas, ist Startort dieses Weges. Er wird über Osnabrück und die Porta Westfalica durch den Harz geführt. Nach vielen Wanderkilometern erreicht er Potsdam; schlängelt sich entlang schöner Abschnitte durch Berlin und gelangt just bei uns wieder auf Brandenburger Boden. Nach dem Passieren unserer Ortschaft geht’s dann, meist parallel zur Ostbahn, bis Frankfurt (Oder) und schließlich weiter bis an die Grenze Litauens. In wunderschöner Natur der Masuren endet im Moment der E11. Es sollte Niemanden wundern, wenn der Weg eines Tages vielleicht erst in St Petersburg sein Ende findet.

Im Jahre 1994 kümmerte sich ein spezielles Arbeitsbeschaffungs-Projekt um den Aufbau des E11 im Dahlwitz-Hoppegartener Gebiet. Etappen des Weges wurden frei geschnitten, Schilder aufgestellt und Rastmöglichkeiten geschaffen. Großer Aufwand mit mangelhaften Materialien führte alsbald zu den ersten Schwachstellen im Wegeverlauf.
Der Kulturverein, speziell seine Naturschutzgruppe, kümmert sich schon viele Jahre um die Erhaltung und Verbesserung des Wanderweges. Auf seine Initiative erstand 2004 eine komplett erneuerte Ausschilderung, die bis heute dem Wanderer eine gute Hilfe ist.

Quelle: "Erlesenes und Erlaufenenes", Streifzüge durch die Geschichte von Dahlwitz-Hoppegarten, Kulturverein Grünes Tor Dahlwitz Hoppegarten, Hoppegarten 2008