Über Ravenstein und Heidemühle nach Waldesruh


Rudolf Dau / Gerd Kroner

Die Waldsiedlung Waldesruh ist - trotz ihres Alters von rund 75 Jahren - der jüngste unter den einstigen Ortsteilen von Dahlwitz-Hoppegarten. Um dorthin zu gelangen kehren wir am besten noch einmal zum Ausgangspunkt unserer Wanderung zurück: zum Europäischen Fernwanderweg E11 aus Richtung Friedrichshagen. Bei der Erpe-Brücke in Ravenstein erreichen wir den südlichsten Ausläufer des Hoppegartener “Gemeindeteils” Waldesruh. (Weil durch die Fusion dreier Gemeinden zur neuen Großgemeinde Hoppegarten im Oktober 2003 Dahlwitz-Hoppegarten selbst zu einem Ortsteil wurde, besitzt Waldesruh seitdem nicht mehr den kommunalpolitischen Status eines relativ eigenständigen Ortsteils.)

Von der Brücke aus kann man den wohl weiträumigsten Teil des Erpetals als vielfältig gefächertes Panorama bewundern, auf beiden Seiten durch Bewaldung begrenzt. Hinter dem linken (westlichen) ”Ufer” der Fließniederung muss man sich - absichtsvoll hinter Baumreihen versteckt - die eigentliche, erst in den frühen 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts entstandene Waldsiedlung vorstellen. Mit Ravenstein haben wir jedoch ein Gebiet am Rande des Köpenicker Forstes betreten, das bereits vor vielen Jahrhunderten besiedelt worden ist. Urkundliche Spuren weisen bis ins frühe 15. Jh. zurück. 1434 wird der kurfürstliche Rat Heinz Donner mit der “Rabenstein’schen Mühle am Neuenhagener Fließ” belehnt, die bis dahin “Leibgeding” des Köpenicker Pfarrers Otto Ottowen war (d.h. nicht vererblicher Besitz zur Nutzung auf Lebenszeit). Der uralte Mühlenstandort “Rabenstein” war also der Stadt Köpenick zuzuordnen.

Die neuere Schreibweise “Ravenstein” ist in Schriftstücken aus der Zeit um 1800 nachzuweisen. Der Mühlenbetrieb verfügte zu jener Zeit über zwei Mahlgänge und einen Schneidegang, fungierte also auch als Sägemühle. Zur Liegenschaft gehörten, katasteramtlich ausgewiesen, 2 Morgen Gärten, etwa 24 Morgen Wiesen und gut 12 Morgen “Holzung” sowie die Fischereiberechtigung. Im 19. Jh. war dort sogar eine Guano-Fabrik in Betrieb gegangen, gegen deren Geruchsverbreitung die Gemeindevertretung Friedrichshagen 1879 (zunächst vergeblich) protestiert hatte. Die industrielle Nutzung Ravensteins wurde um die Wende zum 20. Jh. schließlich beendet und von freundlicheren Funktionen der Naherholung abgelöst. Friedrich Ehlert, einst Ortschronist von Friedrichshagen, schreibt:

“Aus dem früheren Mühlengrundstück ist dann eine Gastwirtschaft geworden, die stets ein beliebtes Ziel der Berliner Ausflügler geworden ist. . . In der Nähe des Restaurants sind dann später noch mehrere Ansiedlungen entstanden, wie die durch das Mühlenfließ davon getrennte Villa des Fabrikanten Ziesch, dem die Berliner Gobelinfabrikation ihre neue Blütezeit verdankt. Auch dahinter im Walde, am Wege nach Hirschgarten, sind in jüngster Zeit Landhäuser emporgewachsen, so dass man schon jetzt von einer Kolonie Ravenstein sprechen kann.” (Aus: Niederbarnimer Zeitung, 23. 08. 1913, Beilage)

1863 gelangte die “Ravensteiner Mühle” durch Kauf in den Gutsbesitz derer von Treskow; vielleicht ein Zeichen dafür, dass die wirtschaftliche Bedeutung des Standorts für den Köpenicker Raum bereits im Schwinden begriffen war. Mit der Eingliederung des Gutsbezirks Dahlwitz in den “Gemeindebezirk” (ein Vorgang, der erst 1928 juristisch zum Abschluss kam) wurde Ravenstein endgültig Bestandteil der Gemeinde Dahlwitz-Hoppegarten und später dem Ortsteil Waldesruh zugeordnet.
Die erwähnten Landhäuser sind vor allem an der Ravensteiner Promenade zu finden, während größere Villen auf der anderen Seite des Mühlenfließes errichtet wurden. Das Einwohnerverzeichnis von 1934 weist für die “Kolonie Ravenstein” immerhin 78 Bewohner aus.
Eine Villa an der Mühlenstraße ist in älteren Karten als “Kinderheim” deklariert. Um sie herum entstand in DDR-Zeiten ein Gebäudekomplex, in dem (zum Teil auf Berliner Gebiet) die “Schule der Solidarität” untergebracht war; eine Weiterbildungseinrichtung des Journalistenverbandes der DDR speziell für junge Journalisten aus der “Dritten Welt”. (Nach der Wende war diese Einrichtung, inzwischen zum “Internationalen Institut für Journalistik e.V.” umgebildet, in die Karena-Allee umgezogen, siehe Kapitel 7.)

Die Gaststätte Ravenstein, die aus dem früheren Mühlengebäude hervorgegangen und einst ein florierendes Unternehmen war (siehe Abb.), hat ebenfalls eine wechselvolle Geschichte. Das lang gestreckte, mehrstufig gegliederte Bauwerk direkt an der Mühlenstraße war in den Kriegsjahren zeitweilig als Lazarett genutzt worden. Nach 1945 diente es - bis in die 90er Jahre hinein - als karitatives Senioren-Pflegeheim. Das Personal war teilweise in Villen an der Erpestraße untergebracht. Ein größerer Restaurationsbetrieb hat sich in Ravenstein nie mehr entwickeln können. Ein kleines Gartenrestaurant in der Ravensteiner Promenade überstand die Nachwendezeit nicht. Der Wanderer muss jetzt also unverrichteter Dinge weiter ziehen.

Um von hier aus ins Innere von Waldesruh zu gelangen, gibt es verschiedene Wege. Folgt man dem vorgezeichneten E 11 in nördlicher Richtung, durch ein Stück Wald und über die Erpe-Wiesen hinweg bis zur nächsten Brücke, befindet man sich in der gleichfalls Waldesruh angegliederten Kleinsiedlung Heidemühle. Auch dieser uralte Mühlenstandort war1434 dem kurfürtlichen Rat Heinz Donner übereignet worden. Er besteht also - wie Ravenstein - seit mindestens sechs Jahrhunderten. Seine Entwicklung sollte aber etwas anders verlaufen. Aus ihm wurde kein beliebter Treff für Wandersleute und Sammelpunkt für stadtmüde Häusle-Bauer; 1934 wird die relativ bescheidene Zahl von 42 Bewohnern verzeichnet, denn Heidemühle blieb vorrangig Wirtschaftsstandort, genauer gesagt: ein Brennpunkt landwirtschaftlicher Produktion. Deshalb war die Mühle auch noch lange in Betrieb, wenngleich nicht für Brot- oder gar Kuchenmehl, so doch für das Schroten von Viehfutter. Der jüngere Heinrich von Treskow nutzte die Turbinen-Anlage schließlich für die Herstellung von Elektro-Energie. 1891 war das alte Mühlengebäude abgerissen und durch einen roten Backsteinbau ersetzt worden. Das neue Mühlengebäude wurde Wohnhaus und nach 1990 von seinen jetzigen Besitzern von Grund auf saniert (siehe Abb.)

Die etwas “außerörtliche” Lage und das saftig-grüne Umland von Heidemühle bewirkten seine Eignung für die Viehzucht, vor allem für Schafe und Rinder. Diese gutswirtschaftliche Tradition wurde seit den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts durch die seinerzeitige Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft fortgesetzt, die ihre Zentrale aus dem Dahlwitzer Dorfkern nach Heidemühle verlegte. Durch die konzentrierte Agrarproduktion konnte ein gewisser Wohlstand akkumuliert werden. Davon kündet die Errichtung von Rinder-Großställen und weiteren (auch sozio-kulturellen) Einrichtungen. Sie gaben Heidemühle ein anderes, aber immer noch dörfliches Gepräge. Wobei die Kehrseite des wirtschaftlichen Aufblühens, insbesondere der erfolgreichen Rinderzucht und Milch-Produktion, in der in großen Mengen anfallenden Gülle bestand. Das führte zu erheblichen Umweltbelastungen, nicht nur für das Grundwasser.

Trotz aller Bemühungen, Teile des Genossenschaftsbesitzes nach 1990 als “Heidemühler Agrar- und Handels-GmbH” fortzuführen - ab 1993 sogar mit eigener Molkerei -, kam 1995 das endgültige Aus für den landwirtschaftlichen Standort Heidemühle. Heute stehen die Anlagen, soweit sie nicht zerfallen sind, entweder leer oder sie werden zweckentfremdet von gewerblichen Unternehmen genutzt, die teilweise zu Umweltbelastungen anderer Art führen und schon deshalb nicht ins Erpetal - also in ein Landschaftsschutzgebiet mit sensiblen Naturschutzbereichen - gehören. Gegenwärtig fristet die Exklave Heidemühle also ein etwas zwitterhaftes, mit manchen Ärgernissen verbundenes Dasein. Nur der Stallgeruch, der von den nach der Wende entstandenen Pferdehöfen herüber weht, lässt noch etwas ahnen vom besonderen Fluidum einstiger Tierhaltung. Der Wohnungsbestand in Heidemühle blieb - trotz wachsenden Arbeitskräfte-Bedarfs der LPG - stets begrenzt. Der geschäftstüchtige Vorstand fand aber einen Ausweg, indem er mit manchen Tricks einen ökologisch wertvollen, bis dahin unbebauten Grünbereich am nördlichen Ausgang von Waldesruh in Bauland umwandeln ließ. In Weiterführung der Wohnbebauung an der Köpenicker Allee entstand in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ein neuer Siedlungsbereich. Dorthin gelangt der Wanderer, wenn er dem eigens für die LPG asphaltierten Heidemühler Weg bis zur Köpenicker Allee folgt. Dort bewegt er sich auf einer Hauptverkehrsstraße, die schon im frühen Mittelalter von Köpenick über die alten Dörfer Dahlwitz und Neuenhagen nach Altlandsberg und weiter bis nach Wriezen an der Oder führte (siehe Kap. 2). Ein paar Schritte weiter befindet man sich an einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt für die Einwohner von Waldesruh. Von der Buswendeschleife aus kann man den öffentlichen Personen-Nahverkehr nach Berlin und - wenn man den richtigen Zeitpunkt erwischt - auch nach Münchehofe und zum S-Bahnhof Hoppegarten benutzen. Auf dem Rondell vor der Gaststätte “Lindenschänke” (endlich kann der Wanderer etwas für sein leibliches Wohl tun) ein Gedenkstein: ein während der Eiszeit aus Skandinavien herangetragener Findling, der jetzt dazu dient, uns an die Gründung der Waldsiedlung Waldesruh im Jahre 1931 zu erinnern. Dazu gleich mehr.

Quelle: "Erlesenes und Erlaufenenes", Streifzüge durch die Geschichte von Dahlwitz-Hoppegarten, Kulturverein Grünes Tor Dahlwitz Hoppegarten, Hoppegarten 2008